Bansenshūkai

Die Schrift „Bansenshūkai“ gilt sozusagen als Wissensquelle der Ninja. In den zehn Bänden wird ein guter Querschnitt durch alle Trainingsbereiche der Ninja geboten, von Techniken über Strategie und Taktik bis hin zu Führung einer Ninja-Organisation.


Zehntausend Flüsse fließen ins Meer

Fujibayashis Bansenshūkai ist eine Zusammenstellung des Wissens und der Ansichten von Duzenden von Ninja Ryū, der Iga- und Kōga-Gegenden in Zentralsüdjapan. Namenhafte Historiker halten diese Schriften für äußerst systematisch und logisch aufgebaut, sowohl was die beschriebenen Themenkreise betrifft, als auch in der Art, in der die einzelnen Kapitel eingeteilt sind.

Im Sommer 1676 trug Fujibayashi Yasuyoshi das Material zusammen. Japan stand während dieser Zeit unter der Herrschaft des vierten Tokugawa-Shōgun. Fujibayashi war Mitglied eines der drei wichtigsten Ninja Ryū in der Iga-Gegend. Am Ende der Sengokujidai, hatte seine Familie zusammen mit den Hattori und den Momochi den besten Ruf und den größten Einfluss.


Der erste der zehn handgebundenen Bände enthält eine Einleitung, historische Beispiele, ein Inhaltsverzeichnis und einen Frage-und-Antwort-Teil. Die Leitphilosophie des Ninja wird in diesem mit betitelten Buch anhand einer Diskussion über erfolgreiche Kriegführung vorgestellt. Der Ninja wird angehalten, nicht zu vergessen, dass wenn ein Anführer seine Leute richtig zu führen und zu motivieren weiß, eine große Anzahl von Feinden überwältigt werden kann. Denken die Gefolgsleute jedoch anders als ihre Befehlshaber, so werden Niederlagen und Verluste nicht lange auf sich warten lassen. Ein einziger richtig eingesetzter Spion oder gegnerischer Agent kann eine ganze Armee zu Fall bringen. Deshalb glaubt der Ninja daran, dass eine Person Tausende von Feinden besiegen kann. Das Bansenshūkai unterstreicht immer wieder, dass Ninjutsu die wirksamste Methode der Militärstrategie ist.


Shoshin

Der zweite Band heißt SHOSHIN. Er handelt von Ehrlichkeit, Motivation und der moralischen Willensstärke, die ein Ninja braucht. Da er unter anderem auch Fertigkeiten einsetzt, die andere als Verrat, Lügen, Diebstahl oder Betrug bezeichnen würden – ganz abgesehen von den äußerst harten Gewaltanwendungen – ist es unbedingt nötig, ein klares Ziel und die Übersicht zu haben, bevor man an die rein technischen Fragen herangeht. Der wahre Ninja wird durch das Sich-Bewusstwerden seiner persönlichen Verantwortung zur Handlung gezwungen, im Gegensatz zum Söldner, der einen beschränkten Blickwinkel hat. Das intuitive Wissen des Ninja um seine, vom Schicksal bestimmte Verantwortung lässt ihn seinen Beitrag leisten. Der erste Schritt bei der Erziehung eines Ninja, besteht darin, jedes geistige oder spirituelle Hindernis, das den Ninja bei dieser natürlichen Bewusstseinswerdung stören würde, aus dem Weg zu räumen.


Shochi

Selbst der talentierteste Ninja ist hilflos ohne die Leitung und die Anweisung eines fähigen Führers. Das dritte, SHOCHI betitelte Buch handelt von der wirksamen Leitung einer Ninja-Organisation und schildert die verschiedenen Möglichkeiten eines erfolgreichen Einsatzes. Daneben werden Vorbeugemaßnahmen erläutert, die es gegnerischen Agenten unmöglich machen soll, sich in die Organisation einzuschleichen. Ein umfangreiches Wissen um das In- und Yō-Ausgleichskonzept ist außerordentlich wichtig, um die Kunst der Ninja richtig zu verstehen.


Yōnin

YŌNIN, der vierte der zehn Bände, beinhaltet die Yō-Aspekte, die „hellen“ Seiten der Ninja-Techniken. Mit Hilfe der dynamischen, positiven Kraft seines Intellektes und seines kreativen Denkens kann der Ninja an die von ihm benötigten Informationen kommen ohne sich an einer Spionagemission beteiligen zu müssen. Indem er andere direkt oder auf Umwegen für sich Informationen sammeln lässt, kommt er in den Besitzt aller wichtigen Daten, die er zu einer erfolgreichen Aktion benötigt. Sein Wissen um feindliche Stärken und Schwächen erlaubt es ihm, dem Gegner richtig zu begegnen, während er sich selbst den äußeren Anschein gibt, als habe er nichts mit der ganzen Sache zu tun und keinerlei Aktivitäten in dieser Richtung unternommen.


Innin

Der fünfte, sechste und siebte Band des Bansenshūkai tragen alle den Titel INNIN. Ihr gemeinsames Thema ist das In-Konzept, die „dunkle“ Seite des Ninja-Wissens. Listen, Betrug, Verwirrungstaktiken und Überraschungsangriffe sind nur einige der Techniken, die in diesen Bänden dargelegt werden. Da es dem Ninja freistand, Methoden zu gebrauchen, die der Samurai als ehrlos, verachtungswürdig, ja sogar feige ansah, machte er ebenfalls regen Gebrauch von Verkleidungen und Nachtaktionen. Er schlich sich mit einer List in das gegnerische Lager, um Befehlshaber zu entführen oder zu töten und bestach wichtige Funktionäre, damit sie ihm bei der Erringung seiner Ziele halfen. Sämtliche Varianten dieses einzigartigen Ninja-Kampfsystems, vom Einzelkampf bis zu kompletten Plänen von Überraschungsangriffen für ganze Kampfgruppen, sind in den genannten Bänden enthalten.


Tenji

TENJI, der achte Band, beinhaltet die Methoden, mit deren Hilfe de Ninja die Umweltbedingungen richtig einschätzten kann. Techniken, die einem erlauben, dass Wetter vorauszusagen, Gezeitentabellen, Mondphasentabellen und verschiedene Orientierungs- und Navigationsmethoden gehören zu dem Wissen, das im Tenji-Band dargeboten wird. Hierbei handelt es sich teilweise um jahrhundertealte Erfahrungen mit Systemen wie dem Gogyō setsu, dem Inyō Dō oder dem Orakel Eki und zu einem anderen Teil um wissenschaftliche Beobachtungen bzw. indische, tibetanische oder chinesische Methoden, um Tendenzen und Geschehnisse vorauszusagen.


Ninki

NINKI, die Beschreibung der Ninja-Ausrüstung, beginnt in Band neun und setzt sich bis in den zehnten band fort, der jedoch die Bezeichnung „Schlussband“ und nicht „Zehnter Band“ trägt. Möglicherweise liegt dies daran, dass die Ninja die Zahl 9 als Mittel zur Inspiration und Erleuchtung ansahen.

Im neunten Band findet man unter dem Titel Toki die Kletterwerkzeuge des Ninjutsu. Hier ist alles aufgezählt, was dem Ninja helfen kann Festungsmauern, Bäume, Klippen und Schiffswände sicher zu erklettern und auch wieder herunterzusteigen. Suiki nimmt sich der Wasserausrüstung des Ninja an; sie basiert zu einem großen Teil auf praktischen Ratschlägen von Piraten. Die in diesem Kapitel vorgestellten Methoden erlauben verschiedene Arten der Flussüberquerung oder zeigen Möglichkeiten auf, sich unter Wasser weiterzubewegen. Kaiki handelt von Werkzeugen, mit Hilfe derer man in geschlossene Gebäude, Burgen, Befestigungsanlagen oder Lagerhäuser einbrechen kann. Beschrieben werden Ausrüstungen, um Türschlösser aufzubrechen, Löcher in Wände zu bohren oder Türen aus den Angeln zu heben. Die Feuertechniken, Kaki, schließen den Bansenshūkai ab. Hier findet man eine ganze Reihe von Formeln zur Vorbereitung und Nutzung von Sprengstoffen, Rauchbomben, Arzneien, Betäubungsmitteln und Giften.


Ninja-Disziplinen

In folgenden Disziplinen versucht man, es zum Meister zu bringen:

Bōjutsu
Stockkampftechniken
Fukiya
Blasrohr und Bolzen
Gotonpō
Gebrauch der natürlichen Elemente zur Flucht
Hanbōjutsu
Kämpfen mit dem kurzen Stock
Heihō
Kampfstrategie

Inyō Dō
taoistische Prinzipien
Jūnan Taisō
yogaähnliche Körperbeherrschung
Kajutsu
Gebrauch von Feuer und Sprengstoffen
Kiai
Harmonisierung mit dem Lauf der Dinge
Kujiin
Energiekanalisierung
Kujikiri
Beherrschung der elektromagnetischen Kräftefelder

Kusarigama
Kette und Sichel
Kusarijutsu
Kämpfen mit kurzen Kettenwaffen
Kyo Mon
praktische Erziehung
Kyoketsu Shoge
Seil und Klinge
Ninja Kenpō
Kämpfen mit dem Ninjaschwert
  • Kenjutsu - Fechten
  • Iaijutsu - Schnellziehtechniken
Ninki
spezielle Ninja-Ausrüstungen und -werkzeuge
Ninpō Taijutsu
unbewaffneter Kampf
  • Taihenjutsu - Körperbewegungen und Sprungtechniken
  • Dakentaijutsu - Stoß- und Schlagtechniken
  • Jutaijutsu - Würge- und Haltegriffe
Seishin Teki Kyōyo
Geistige Reinheit
  • Meso - Meditation
  • Shinpi - Konzepte des Mystizismus
Ninpō Mikkyō
Ninja-„Geheimwissen“ über das Universum

Shurikenjutsu
Werfen von Klingen
Tantōjutsu
Messerkampftechniken
Teppō
Feuerwaffen
Yarijutsu
Speertechniken
Yugei
traditionelle Künste

Zeitgenössische Ninjutsu-Schüler werden sich jedoch in keiner Weise davon abgehalten weitere, in dieser Liste nicht angegebene Trainingsaspekte einzuüben. Jede Kampfart, außer einer Zen-ähnlichen Dō-Kunst, die überhaupt nicht an praktischen Anwendungen interessiert ist, sondern die sich stur auf eine gewisse Anzahl von Techniken beschränkt und beispielsweise ihren Anhängern 106 Waffen und 42 Würgegriffe präsentiert, fügt den betreffenden Schülern schweren Schaden zu, denn sie denken nur in methodischen, geordneten Strukturen, sobald eine Gefahr auftritt. Durch mechanistisches Training wird der Geist angehalten, jede neu aufgetretene Situation mit vorhergegangenen Trainingseinheiten zu vergleichen und in eine bestimmte Kategorie einzuordnen. Deshalb ist es nur verständlich, dass der Gebrauch von Gegenständen oder Taktiken, die nicht in dieser Liste enthalten sind, einfach übersehen wird.


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Über den Autor

Foto von Stefan Imhoff

Ich bin Stefan Imhoff, Gründer des Ninjutsu-Magazins kogakure.de, Designer, Kampfkünstler und Hobby-Philosoph. Ich wohne in Hamburg und schreibe auf meiner persönlichen Website über Webstandards, Informationsarchitektur, Apple, Design und Programmierung.